Was stört dich eigentlich am meisten an deiner MS?

Eine Frage, die man mir häufig stellt. Die Antwort hat natürlich viele Gesichter, denn es kommt immer darauf an, in welcher Lage der Krankheit ich mich gerade befinde. Wenn ich gerade einen Schub erleide, ist klar, dass mich am meisten die Symptome stören. Es ist nicht schön, blind zu sein, nicht normal gehen zu können oder gar Lähmungserscheinungen zu haben.

Im Moment geht es mir körperlich jedoch gut. Dafür leide ich seelisch etwas mehr. Häufig stelle ich mir die Frage: «Weshalb genau ich?»

Dass man mir die Krankheit nicht ansieht, ist ein Segen, aber zugleich auch ein Fluch, weil ich mich ständig erklären muss. Und manchmal verstehe ich mich selber nur sehr schwer, weil ich traurig bin, ohne einen richtigen Grund dafür zu haben.

Aber weshalb genau ich?

Ich denke, diese Frage stellen sich viele, die mit einer Krankheit leben oder mit einem anderen Schicksalsschlag umgehen müssen. Mir fällt auf, dass ich mir diese Frage immer noch oft selber stelle und dies, obwohl ich nun schon lange Zeit mit meiner Multiplen Sklerose lebe.

Oder wie wäre mein Leben ohne die MS verlaufen? Hätte sich dadurch mein Charakter verändert?

Fragen über Fragen, die mir schlussendlich niemand beantworten kann.

Die Psyche oder speziell meine Psyche finde ich sehr spannend. Und obwohl ich viel damit zu kämpfen habe, möchte ich dieses Thema angehen und die Last etwas reduzieren. Ich besuche deswegen regelmässig die psychosomatische Sprechstunde.

Psychosomatik bezeichnet in der Medizin eine ganzheitliche Betrachtungsweise und Krankheitslehre. Darin werden die psychischen Fähigkeiten und Reaktionsweisen von Menschen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit in ihrer Eigenart und Verflechtung mit körperlichen Vorgängen und sozialen Lebensbedingungen betrachtet.

Ich habe hierfür zum Glück eine ganz tolle Psychologin gefunden, welche mich auf diesem Weg begleitet und unterstützt. Schon in den Anfangsphasen meiner Krankheit habe ich mich mit diesem Thema befasst. Freiwillig oder unfreiwillig. Als ich mit 19 Jahren meine Diagnose Multiple Sklerose erhielt, wurde mir ebenfalls eine psychologische Unterstützung empfohlen. Damals ging ich zu einem Psychologen im Dorf nebenan. Aber auch nach 3–4 Sitzungen wurde ich damals mit dem Herrn überhaupt nicht warm, und so liess ich das Ganze sein und versuchte, es mit mir selber auszumachen.

Erst in den letzten Jahren wurde mir selber klar, wie wichtig und wertvoll es ist, sich mit jemandem über seine Probleme oder Sorgen auszutauschen.

Manchmal tröste ich mich selber, indem ich selber zu mir spreche.

Zum Beispiel nachts, wenn ich aufwache und diese Fragen mir meinen Schlaf rauben. Als Erstes ist es dann für mich immer wichtig, dass ich meinen Körper richtig spüre. Ich beginne, bewusst meine Füsse im Bett zu spüren, über die Beine hinauf zur Hüfte. Anschliessend den Bauch, den Rücken, über die Schultern bis zu meinen Händen und zurück bis zu meinem Hals und meinem Kopf.

Alles ist da und ich spüre meinen ganzen Körper. Das gibt mir extrem viel Sicherheit und ein gutes Gefühl in dem Moment. Im selben Moment frage ich mich jedoch, warum ich jetzt auf einmal hellwach bin.

Als Nächstes kommt schon bald die Trauer mit der Frage: «Warum ich?» Wieso wurde ausgerechnet ich ausgesucht, um mit dieser Last zu leben?

Es wäre vieles leichter ohne diesen Rucksack …

Ich denke, mir wurde dieser Rucksack aufgebürgt, weil ich im Stande bin, diesen zu tragen. Irgendjemand oder irgendetwas hat dies entschlossen und wusste genau, dass ich, Lucile, mit dieser Last umgehen kann.

Oder genau du, der diesen Artikel liest und ebenfalls dir diese Frage stellst oder der die Erfahrung gemacht hat, dass dir Steine in den Weg gelegt wurden.

Die Dame, welche ich zurzeit konsultiere, ist für mich eine wahre Bereicherung. Sie erklärt mir meine Gefühle und Ängste auf eine sehr sachliche Art und so hilft es mir, mich selber besser zu verstehen. Zum Beispiel wieso ich so emotional auf gewisse Situationen oder Dinge reagiere. Die Sitzungen sind natürlich sehr anstrengend und mit vielen Tränen verbunden. Es ist harte Arbeit, sich mit seinen tiefsten Ängsten und Zweifeln auseinanderzusetzen. Manchmal bin ich selber erstaunt, was aus mir rauskommt und wie alt die Themen zum Teil sind.

Aber anscheinend müssen erst die alten Themen aufgearbeitet werden, von welchen man manchmal denkt, die seien mittlerweile irrelevant oder auch vergessen, damit man gestärkt und voller Zuversicht weitermachen kann.

Mit den Themen, welche bei mir in den Sitzungen aufkommen, stellt sich mir die Frage: «Mache ich mich nun selber krank?»

Ich glaube einfach, dass die Psyche einen grossen Bestandteil der Gesundheit ausmacht.

Ich denke aber keinesfalls, dass ich selber schuld bin oder ich mich selber krank mache. Klar bin ich ein Mensch, der sich viele Gedanken zu allem und über mich selbst macht, aber deshalb bin ich ja nicht selber schuld, dass ich MS bekommen habe. Ich versuche jetzt durch die Therapie, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und zu verstehen. Jeder erblickt das Licht der Welt schon vorprogrammiert. Der Charakter und das Wesen jedes Menschen verändert sich mit der Zeit, aber ich denke, es ist schon auch vieles gegeben und so auch bei mir. Schlussendlich akzeptiere ich mich selbst, so wie ich bin. Seit ich das verstanden habe und an mir arbeite, geht es mir psychisch wie auch körperlich viel besser.

Die Antwort zu der Frage «Was stört dich am meisten an deiner Krankheit?» ist somit wirklich individuell und davon abhängig, in welcher Situation ich mich mit meiner Multiplen Sklerose gerade befinde.

Heute, am 20.09.2022, ist die Antwort klar: Nichts stört mich daran. Denn heute und genau zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich gut und lebendig und somit gibt es auch nichts, was mich daran stören würde. Ich hoffe natürlich, dass ich so schnell keinen Schub erleiden muss, aber auch dann besteht die Kunst darin, ruhig zu bleiben und die Situation zu akzeptieren, weil ich daran letztendlich nichts ändern kann. Klar gibt es Leute, die leichter durchs Leben tanzen als ich, und die wird es immer geben. Ich denke jedoch, dass es eine grosse Hilfe ist, wenn ich versuche, auf sie nicht neidisch zu sein, sondern es ihnen zu gönnen.

Bringt es mir etwas, mich in Wut und Trauer zu suhlen? Bringt es mir etwas, Hass gegen meinen Körper aufzubauen, welcher vielleicht nicht so funktioniert, wie ich es gerade möchte? Bringt es mir etwas, mich selber unter Druck zu setzen und mir schlecht zuzureden, wie zum Beispiel, dass ich selber schuld bin an meiner gesamten Krankheitssituation?

Klar gelingt es mir nicht jeden Tag, aber ich versuche, stolz auf mich zu sein und auf all das, was ich bis jetzt geschafft habe, und den Frust in positive Energie umzuwandeln.

Mir tut es gut, das Ganze manchmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Und so kann ich schliesslich auch die Frage beantworten und aus «Weshalb genau ich?» wird dann: «Genau ich, weil ich es tragen kann!»
Alles passiert aus einem Grund und macht uns schlussendlich zu dem, was wir heute sind, und von jeder Situation oder aus jedem Lebensumstand können wir nur lernen. Und du weisst nie, wofür diese Erkenntnis noch gut sein wird.

Ich bin von meinem Denken überzeugt, und zwar genau jetzt in dieser Minute. Ob es in einer Stunde, in einer Woche oder in einem Monat noch so ist, werden wir sehen.

Ich arbeite daran und gebe mir Zeit.

«The soul usually knows what to do to heal itself. The challenge is to silence the mind

Herzlichst,

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