Rauchen mit MS

Dass Rauchen allgemein sehr ungesund ist, wissen wir doch alle, aber wie ist das genau in Kombination mit Multipler Sklerose? Ich habe leider schon sehr früh mit dem Rauchen angefangen. Man wollte halt einfach cool sein und auch dazugehören, und so probierte ich meine erste Zigarette bei einem gemütlichen Abend mit Freunden.

Als ich das erste Mal an einer Zigarette zog, bekam ich einen grausamen Hustenanfall. Alle lachten mich aus, und im Prinzip war das doch schon ein Zeichen, dass ich das Rauchen sein lassen sollte. Aber weil mich die Neugier und das Gefühl, dazugehören zu wollen nicht losliessen, probierte ich zwei, drei Zigaretten mehr – und schwups geriet ich in die Nikotinfalle.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann genau ich mit dem Rauchen begonnen habe. Auf jeden Fall war ich zwischen 12 und 14 Jahre alt. Ich kannte kein Mass und rauchte echt gerne und bei jeder Gelegenheit. Dazu muss ich noch betonen, dass man damals auch überall noch rauchen durfte. In den Zügen, in den Restaurants – es gehörte einfach dazu.

Selbst als ich meine Diagnose mit 19 Jahren bekam, wollte ich meinen geliebten Glimmstängel nicht aufgeben. Schliesslich wollte ich mich nicht noch mehr einschränken lassen. Aber auch Gedanken wie «Kommt doch eh nicht mehr darauf an, dein Körper zerstört sich sowieso schon selbst» kamen auf. So machte ich weiter und rauchte sogar, als ich die ganzen Schübe erlitt. Genau dann, wenn mein Körper nicht mitmachte, zog ich mir aus Mitleid Zigaretten rein. «Uns geht’s ja so schlecht, damit höre ich bestimmt nicht auch noch auf! Das nimmt mir diese Dreckskrankheit nicht auch noch weg!»

Im Laufe der Jahre nahm mein Zigarettenkonsum jedoch erheblich ab. Wahrscheinlich hängt dies mit den ganzen Verboten zusammen, die hier mittlerweile gelten. Es wird nicht mehr geduldet, dass man überall und immer qualmen darf. Als ich meinen Job begann, fand ich durchs Rauchen aber schneller den Kontakt zu meinen neuen Arbeitskollegen, und eine kleine Pause zwischendurch schadet ja auch nicht.

Nun ja, für meine letzten Sommerferien habe ich keine Zigaretten eingepackt, da mein Partner nicht raucht. Ich wollte mal sehen, wie es mir geht, und falls ich es nicht aushalten würde, kann man ja zum Glück an jedem Kiosk Nachschub kaufen. Ausserdem stört es mich schon länger, dass alles so schnell nach Zigarette stinkt. Die Haare, die Kleider, ich habe einfach immer das Gefühl, wie ein Aschenbecher zu riechen.

Nun fuhren wir also mit unserem Van in die Ferien, und ich vergass die ersten Tage die Zigarette total, da wir so viel unternahmen. Eines Abends beim Apéro vermisste ich meine geliebte Zigarette – war aber zu faul, um mir irgendwo welche zu besorgen.

Wie es der Zufall wollte, hatte ich auch ausgerechnet dieses Buch dabei, in dem es ums Mit-dem-Rauchen-Aufhören ging. Ich hatte schon längere Zeit mit dem Gedanken gespielt, das Rauchen aufzugeben, und deshalb hatte ich diese Lektüre in die Urlaubstasche gepackt. Ich begann also, das Buch zu lesen, und irgendwie fesselte mich das Ganze und regte mich zum Nachdenken an. Ich rechnete nach, wie lange ich denn nun schon rauchte. Ich stellte mit grossem Entsetzen fest, dass ich bereits seit 20 Jahren rauchte! Meine Güte, bin ich schon so alt? Oder habe ich einfach viel zu früh mit dem Rauchen begonnen? Ausserdem rechnete mir mein Freund noch vor, wie viel Geld ich mit Zigaretten «verraucht» hatte. Ich war einfach nur schockiert. Mein schlechtes Gewissen mir gegenüber begann mich zu plagen. «Warum mutest du deinem Körper dieses Gift zu? Wozu?» Das rebellische Zigarettenmonster in mir wurde von Tag zu Tag kleiner. Ich begann, verschiedene Artikel zu lesen, auch im Zusammenhang mit meiner MS, und ich stiess auf wirklich bedenkliche Berichte.

Zum Beispiel wusste ich nicht, dass das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, bei Rauchern durchschnittlich circa 50% höher ist als bei Nichtrauchern. Das Risiko hängt hierbei von der Dauer des Zigarettenkonsums und der Anzahl gerauchter Zigaretten ab. Im Vergleich zu Nichtrauchern ist bei den Rauchern die Verschlechterung der motorischen Funktion und der Gehstrecke enorm.

Eine der vielleicht wichtigsten Botschaften: Ein Rauchstopp resultiert in einem Erkrankungsverlauf, der im Schnitt dem der Nichtraucher gleicht. Hören Raucher also mit dem Rauchen auf, verlangsamt sich die Progression ihrer motorischen Behinderung und sie erreichen die Geschwindigkeit des motorischen Rückgangs von Menschen, die nie geraucht haben. Ausserdem können der heisse Rauch und die Teerstoffe das Immunsystem der Lunge anregen und so die Autoimmunreaktion der MS verstärken.

Ich möchte hier niemandem meinen Rat aufzwingen, denn ich war ja selber jahrelang Raucher und dies mit «Genuss», aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin: Was gibt es denn Feines an einer Zigarette? Habe ich jemals bewusst geraucht und dabei gedacht:

«Wow, dieser stinkende Rauch ist so etwas Feines!» Ich habe mir jahrelang geschadet und dies, obwohl ich schon eine andere Last mit mir herumtrage, nämlich meine Multiple Sklerose. Bin ich mir denn so wenig Wert, dass ich meinem Körper noch mehr Schaden zufügen möchte?

Es ist nie zu spät, um den Glimmstängel aufzugeben, und ich habe mich nun definitiv entschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich befinde mich nun in der sechsten rauchfreien Woche, und ich kann mich trotzdem zu den Raucherfreunden gesellen, und es macht mir überhaupt nichts aus.

«Wer keinen Anfang wagt, kann am Ende auch nie seinen Erfolg feiern.»

Herzlichst,

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