Ist es schon Zeit? (Teil 1)

Ich sitze gerade im Zug und komme zurück von meiner MS Therapie, welche ich zweimal jährlich im Spital verabreicht bekomme. Ich sitze da und schaue aus dem Fenster und bemerke, wie das Leben so an einem vorbeizieht. Ich habe Zeit zum Nachdenken.

Ich gehe nicht gerne zur MS-Therapie in den Spital, doch leider muss es sein, damit ich weniger Schübe erleide. Die Therapie schlägt bei mir gut an und hält meine MS so weit gut in Schach, wofür ich überaus dankbar bin.

Die Nacht davor schlafe ich leider sehr schlecht, denn ich bin nervös vor diesem Tag, und um 3 Uhr liege ich schon wach. Meine Gedanken kreisen und gleichzeitig bin ich hundemüde, doch ich finde keine innere Ruhe, welche mich schlafen lassen würde.

Nun wälze ich mich hin und her und schlussendlich bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Tag endlich anbricht.

Später mache ich mich auf den Weg zum Termin und währenddessen werde ich immer nervöser und meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich kämpfe dagegen an, doch trotzdem kullern sie mir über die Wange. Ich betrete nun das Zimmer, wo schon viele Patienten an irgendwelchen Infusionen hängen. Ein Bild, das mich traurig macht. Wegen der Maskentragepflicht kann ich deren Gesichter nicht deuten – ich weiss nicht, ob sie mir zulächeln oder nicht. Nun gehe ich durch und finde einen freien Stuhl, auf dem ich es mir versuche bequem zu machen. Die Krankenschwestern sind im Stress und schnell wird meine Temperatur gemessen und mir ein Zugang für die Therapie gestochen.

Um 10:45 Uhr habe ich einen Sprechstundentermin beim Arzt. Ich stehe also auf und just in dem Moment, als ich los will, ruft mir die Schwester zu: «Halt, wohin soll es denn gehen?! » «Ich habe einen Sprechstundentermin», antworte ich ihr unsicher.

«Ok, ich möchte Ihnen das Medikament noch anhängen, bevor Sie gehen.» Ich nicke ihr freundlich zu. Und so mache ich mich mit dem Infusionsständer auf den Weg in einen anderen Stock. Ich bemerke die Blicke anderer Leute auf dem Gang. Ich denke, dass sich jeder in diesem Moment fragt, woran die anderen wohl leiden. «Sind das Besucher? Oder gar Patienten?»

Jetzt muss ich einige Minuten im Wartezimmer warten, bis ich dran bin. Ein eher trauriges Wartezimmer ohne Fenster oder Bilder. Auf jeden Fall erfüllt es aber seinen Zweck. Ein alter Mann strahlt mich unter seiner Maske an und ich lächle ihm ebenfalls zu.

Nun werde ich aufgerufen und darf ins Sprechzimmer eintreten. Es erwartet mich ein junger und sehr freundlicher Arzt. Leider werde ich immer von einem anderen Arzt betreut, was ich unheimlich schade finde. Aber das lässt sich wohl nicht anders handhaben, da es im Spital jede Menge Patienten gibt, die betreut werden müssen, und deshalb habe ich keine fixe Ansprechperson.

Die üblichen Tests werden nun durchgeführt und ich muss zum Beispiel mit einem abgedeckten Auge die Buchstaben auf einer Tafel vorlesen oder auf einem Bein hüpfen. 

Auf einmal verändert sich der Gesichtsausdruck des Arztes und er sagt: «Frau Zünd, es wäre wichtig, dass Sie sich bei der IV anmelden.»

Diese Worte treffen mich wie ein Blitz und ich werde ganz blass. 

«Sie erinnern sich an den Test, den wir vor einiger Zeit bei Ihnen durchgeführt haben? Wir denken wirklich, dass es jetzt an der Zeit wäre, sich anzumelden.»

Ich höre nicht mehr richtig zu und als der Termin zu Ende ist, lasse ich auf dem Weg zum Zimmer meinen Emotionen freien Lauf. Ich beginne fürchterlich zu weinen und eine Welt bricht für mich zusammen. Für mich ist es in diesem Moment sehr schlimm, dass mir jemand, den ich gerade mal fünf Minuten kenne, sagt, wie es um meinen Gesundheitszustand steht, und mir rät, mich bei der IV anzumelden. Ich fühle mich sonst schon nicht mehr als Ganzes, aber diese Worte lassen mich noch mehr an mir zweifeln. 

Was werden wohl die anderen denken? Ist es schon mit 33 Jahren so weit, dass ich von meiner Krankheit so eingenommen bin, dass die Ärzte denken, eine Anmeldung bei der IV wäre jetzt das Richtige?

Ich bin geschockt, unendlich traurig und habe Angst vor dem, was als Nächstes kommt. 

Doch gehen wir nochmal etwas zurück:

Vor einiger Zeit musste ich den vorher erwähnten neuropsychologischen Test machen. 

Aber was ist das überhaupt und was sagt der Test aus?

Neuropsychologische Diagnostik hat zum Ziel, kognitive und emotionale Funktionsstörungen nach einer Schädigung oder Erkrankung des Gehirns möglichst objektiv zu messen. Zusätzlich sollen die Reaktionen der Patienten auf diese Störungen bestimmt werden.

Als ich am Tag X zu diesem Test erscheinen musste, war ich voller Energie und dachte mir, das würde ein leichtes Spiel werden.

Schnell bemerkte ich jedoch selber, dass mir die Aufgaben nicht so leicht fielen wie gedacht. Ich konnte gewisse Aufgaben nicht lösen oder erfüllen und zog innerlich schnell eine Mauer hoch. Ich war auf einmal nicht mehr so freundlich, hatte genug vom Test und wollte eigentlich am liebsten auf der Stelle verschwinden.

Das ging natürlich nicht und die Dame machte mit der Befragung weiter. Als ich nach zweieinhalb Stunden endlich mit allem durch war, war ich fix und fertig. 

Nach einer gewissen Zeit bekam ich einen Anruf, um den Test zu besprechen. Ein mulmiges, aber auch neugieriges Gefühl kam in mir hoch und ich verabredete mich zu einem Termin.

Die Testergebnisse lagen auf dem Tisch und eine freundliche Dame sass da und wartete auf mich.

Wie es weiter geht, erzähle ich euch in meinem nächsten Beitrag.

Herzlichst,

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