Wieder zurück ins Spital

Nach akuter Verschlechterung meines Allgemeinzustandes in der Reha musste ich erneut ins Spital. Meine Mutter holte mich in der Reha ab und brachte mich auf die Notfallstation. Dort warteten wir trotz meines misslichen Zustandes sehr lange und die Anmeldung ging ewig. Mir war so schlecht, der ganze Raum drehte sich nonstopp im Kreis herum.

Ich war auch unheimlich müde und deprimiert. Auf unsere Nachfrage hin bei einer Mitarbeiterin der Notfallstation, organisierte sie schliesslich ein Bett und ich konnte mich endlich hinlegen und ausruhen. Das Sitzen im hellen Anmeldungsraum sowie die vielen Leute und das ständige hin und her waren kaum ertragbar. Danach ging lange Zeit gar nichts und wir warteten sehr lange auf meinen behandelnden Arzt aus der Neurologie. Nach seiner ersten Diagnose wurde mir schnell klar, dass ich wieder in die Röhre musste und nur neue MRI Bilder Aufschluss geben können.

Die MRI Untersuchungen waren für mich immer schlimm. Das Gerät ist unheimlich laut und das Gesichtsgerüst, welches auf dem Kopf montiert wird, ist ebenfalls sehr unangenehm. Am schlimmsten jedoch empfinde ich jeweils das Stechen für die Infusion des Kontrastmittels. Dazu kam, dass es mir bei jeder Bewegung schlecht wurde und ich unheimlichen Schwindel hatte. Eine zwar wichtige Untersuchung, die mir letztlich aber viel Kraft und Durchhalte-vermögen abverlangte. Nachdem diese erfolgreich abgeschlossen wurde, ging es wieder zurück auf die Notfallstation. Wir machten uns viele Gedanken, was es für eine Diagnose sein könnte, was diese bedeuten würde und wie es wohl weitergehen wird. Wir tappten völlig im Dunkeln und das weitere Vorgehen war gänzlich unklar. Eine äusserst schwierige und deprimierende Situation für uns alle.

In der Zwischenzeit wurde ich auf die Station Neurologie verlegt. Endlich kam der Spezialist in mein Zimmer. Ich sah seinen Augen sofort an, dass es ein ernstes Gespräch werden wird. Er erzählte mir ausführlich den Sachverhalt und ihre Absicht für das weitere Vorgehen. Viel weiss ich von diesem Gespräch nicht mehr, ausser, dass sie jetzt mehr Klarheit über die Ursachen und meine Krankheit hatten. Nach Analyse der MRI Bilder bestand bei mir eine Entzündung auf dem Gleichgewichtshirnbereich. Solche starken Entzündungen in dieser kurzen Zeit mit diesen Symptomen deuten zu 99,9% auf Multiple Sklerose (MS) hin. Nach Ausschluss aller Fakten und Möglichkeiten und der sichtlichen MRI Diagnose ist somit mit grosser Wahrscheinlichkeit klar, dass ich mit meinen jungen 25 Jahren an MS erkrankt bin. Der Bericht hätte wohl kaum schlechter sein können.  

Eine schreckliche Krankheit, die derzeit noch nicht geheilt werden kann und die meisten Menschen haben sofort das Bild von einem Leben im Rollstuhl vor Augen. Über die Krankheit MS wusste ich quasi noch gar nichts. Auch ich hatte dieses Bild von der Krankheit in Gedanken. Mit den Ärzten hatten viele Gespräche und Untersuchungen stattgefunden und weitere standen noch an. In der Zwischenzeit konnte ich mich über MS schlau machen und mich über die verschiedenen MS Varianten erkundigen.

Primär musste bei mir jetzt die Entzündung auf dem Gleichgewichtshirnbereich behandelt werden. Nach wenigen Tagen haben die Ärzte und ich entschieden, dass ich mit sehr vielen Medikamenten, insbesondere gegen die bestehende Entzündung, nach Hause darf und die Behandlung zu Hause fortfahren kann. Mir wurde zwar immer noch bei jedem Schritt und jeder kleinen Umdrehung im Bett schlecht. Die Betreuung zuhause von meinen Eltern und von meinem Freund war enorm, den ich konnte wirklich gar nichts alleine machen. Schon der Weg auf die Toilette war durch meine Schwäche und dem Schwindel eine grosse Herausforderung. Es ging trotz allen Bemühungen und Willen einfach nicht alleine, denn ich konnte ja nicht einmal normal laufen. Meine rechte Körperseite war immer noch mehrheitlich gelähmt. Ich machte zwar Fortschritte, das Gespür und die Bewegungen waren jedoch von der Normalität noch weit entfernt. Somit verbrachte ich die meiste Zeit im Bett, habe geschlafen und fast nichts gegessen. Leider ging es mir in den nächsten Tagen nicht, wie erhofft besser, und der Zustand war immer noch kritisch. Meine Mutter musste mit mir ein schwieriges Gespräch führen, eine Besserung war nicht in Sicht, eher Rückschritte und ich war gesundheitlich nach wie vor stark angeschlagen. Sie machte sich ernsthafte Sorgen und die Betreuung war schwierig und kostete uns alle Kraft. Der Weg zur Toilette wurde immer schlimmer und der Schwindel nahm wieder zu. Im Gespräch sind wir zum Schluss gekommen, dass der Weg wieder zurück ins Spital unumgänglich ist. Sie organisierte einen Krankenwagen und ich konnte nicht einmal mehr selbst die Treppe herunterlaufen. Es kamen zwei sehr nette Sanitätsmänner und holten mich im ersten Stock ab. Unter Tränen habe ich mein Zuhause wieder verlassen müssen.

Wieder einmal mehr bin ich auf der Notfallstation gelandet. Dieses Mal ging zwar alles sehr schnell und ich wurde wie gewohnt auf die Abteilung Neurologie gebracht. Mein Allgemeinzustand war wieder so schlecht, dass ich nicht mehr alleine aufstehen konnte, um zum Beispiel auf die Toilette zu gehen. Der Schwindel war nicht auszuhalten. Ich habe in dieser Zeit sehr viel geschlafen und hatte keine Kraft mehr, nur das Geringste zu machen. Ich nahm an meinem Leben kaum Teil. Ich getraute mich in diesen Stunden und Tagen nur minimal, mich zu bewegen oder die Augen zu öffnen. Schliesslich war wieder Blutwäsche angesagt. Die ersten zwei Mal bekam ich kaum etwas mit. Ich merkte lediglich, wie mein Bett in andere Räumlichkeiten verschoben wurde und hörte Stimmen, konnte diese aber nicht erkennen und weiss auch heute generell nichts mehr über diese Zeit. Nach der zweiten Blutwäsche ging es mir etwas besser. Ich öffnete wieder regelmässig meine Augen und der Schwindel liess langsam nach. Bei der dritten Blutwäsche hatte mich einer der Pfleger angesprochen und versuchte mich aufzumuntern. Er freute sich, dass ich wieder am Leben teilnehmen konnte und eine Unterhaltung möglich war. Er sagte, ich hätte ihm grosse Sorgen gemacht, da ich nicht ansprechbar war. Er hatte mich schon bei der ersten Blutwäsche betreut und kannte mich daher schon ein wenig. Nachdem ich mit der sechsten Blutwäsche durch war, bekam ich das erste Mal ein Medikament gegen MS. Schliesslich musste ich noch eine Nacht zur Beobachtung im Spital bleiben und durfte dann endlich nach wochenlangem Aufenthalt mit gutem Gefühl und Gewissen nach Hause. Es ging mir deutlich besser und ich hatte neuen Lebensmut und Willen gefasst. Dies mit dem Wissen, dass noch ein langer, ungewisser Weg vor mir steht und die vollständige Genesung unmöglich ist. Ich musste dem Arzt versprechen, dass wenn ich den Schwindel ganz loswerden will, muss ich immer wieder den Schwindel auslösen, bis er nicht mehr kommt.

Endlich wieder nach Hause zu gehen, war einer meiner schönsten Tage im Leben. Wieder zu Hause im Alltag zu leben, meine Familie und Freunde um mich zu haben und hoffentlich bald meinem schönsten Hobby und meiner grössten Leidenschaft, dem Reiten nachzugehen. Mein höchstes Ziel war, wieder auf mein Pferd sitzen und reiten zu können.

Ich werde alles daransetzen, dieses Ziel zu erreichen um wieder ein normales Leben führen zu können. Inzwischen ergab sich die Möglichkeit, die Therapie in der Reha ambulant zu besuchen, was natürlich meinem innigen Wunsch entsprach. So ging ich wochenlang in die Tagesreha in Rheinfelden und arbeitete fleissig an meinem Ziel. Der Arzt hatte Recht behalten, der Schwindel ist mit der Zeit komplett verschwunden. In der Zwischenzeit traf ich mich ab und zu mit einer sehr guten Freundin, sie hatte mir jeweils mein Pferd gesattelt und half mir ein wenig zu reiten, dies soweit es überhaupt möglich war. Das gab mir immer sehr viel Kraft und Mut, weiter zu kämpfen und meine Körperbewegungen weiter zu bringen und neue Bewegungsabläufe zu trainieren. Der Pferdehofbesitzer baute mir eine spezielle Aufsteige- hilfe, damit ich gut auf mein Pferd aufsteigen konnte. Zu Beginn hatten mich meine Familie und Freunde in die Reha gefahren, ohne sie hätte ich meine Therapien nicht ambulant absolvieren können. Nach einigen Wochen hatte ich mich soweit gut erholt und deutliche Fortschritte gemacht. Nach einer Beurteilung durch meine Hausärztin konnte mir diese bestätigen, dass ich wieder problemlos Autofahren kann und darf. Was im Nachhinein sehr speziell war, da mich nie jemand darauf hingewiesen hatte, ob und wann ich wieder Auto fahren darf. Erst nach zahlreichen Abklärungen wurde klar, wie es in meiner Situation abzulaufen hatte. Ich ging daher zu meiner Hausärztin zur ärztlichen Abklärung, da ich für niemanden ein Risiko auf der Strasse sein wollte oder Probleme mit der Polizei oder Versicherung bekommen wollte. Nach drei Monaten wieder erstmals am Steuer, was für ein komisches Gefühl. Ich hatte damals ein handgeschaltetes Auto, durch meine langjährige Erfahrung war ich schnell wieder vertraut damit. Die Kupplung war kein Problem, da ich ja auf der rechten Seite meine Einschränkung hatte. Der Schaltknüppel war anfangs schwieriger, aber ich war schnell wieder sicher und die Vernetzung im Kopf wieder da. In diesem Sinne musste ich im Alltag wieder viele Bewegungen und Abläufe neu lernen und üben, bis diese wieder wie gewohnt eingesetzt werden konnten. Dies benötigten viel Zeit und intensives Training, die Reha hatte mir dabei sehr geholfen, ansonsten wäre ich nicht da, wo ich heute bin.     

Es ging endlich in meinem Leben wieder bergauf und es gab Licht am Horizont, durch alltägliche Tätigkeiten wie reiten, Freunde besuchen oder eben Auto fahren, kamen grosse Freiheiten wieder zurück. Es war auch wieder an der Zeit meinen beruflichen Werdegang weiter zu verfolgen.

Wie es mir heute geht und wie sich meine Krankheit entwickelt hat, erfährt ihr in meinem nächsten Blog …

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