Der Tag, an dem alles begann …

Ich war wie so oft mit meinem Freund auf dem Weg nach Hause, als ich ihn plötzlich fragen musste, ob ich anders reden würde als sonst.

Er meinte nein, er würde nichts Spezielles merken. Doch innerlich wusste ich, irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich ging schnell noch was einkaufen und merkte auch dort, dass ich grosse Mühe mit meiner rechten Hand hatte. Ich konnte fast nicht das Portemonnaie öffnen und halten. Ich wollte mir aber nichts anmerken lassen, denn schon der Gedanke in meinem Kopf war schlimm genug, zu wissen, dass irgendwas gar nicht gut ist. Beim Kochen wurde es schliesslich sehr auffällig. Ich konnte nichts mehr verstecken. Ich konnte kaum noch das Messer halten und weiter schneiden. Das Kochen fiel mir schwer. Als ich später beim Essen aufstehen wollte, merkte ich, das kommt nicht gut. Also fiel ich gleich wieder in den Stuhl zurück. Dabei merkte ich: Mein rechtes Bein war kraftlos, wie meine rechte Hand. Mein Freund machte sich grosse Sorgen und wollte mich unverzüglich in die Notaufnahme fahren. Nun begann die Diskussion hin und her, was nun. Ich hatte solche Angst, in die Notaufnahme zu gehen. Die Situation verbesserte sich aber nicht, und ich überwindete mich, doch in die Notaufnahme im nahegelegenen Spital zu gehen. Kaum waren wir da, untersuchten sie mich von Kopf bis Fuss. Plötzlich ging es Schlag auf Schlag und ich war im Rettungswagen und wurde mit Blaulicht in das Universitätsspital Basel gefahren. In diesem Moment wusste ich, jetzt ist gar nicht mehr gut. Ich konnte meine rechte Körperseite noch spüren, doch die Feinmotorik war nicht mehr da. Meine rechte Gesichtshälfte und meine Zunge spürte ich auch nicht mehr, was das Reden sehr erschwerte. Als ich im USB ankam, führten sie mich in einen Raum mit vielen Ärzten. Ich war dem Rettungssanitäter so dankbar, dass er mich vorgewarnt hatte, dass viele Ärzte da sein würden, um mich zu untersuchen, und sie sehr viele Fragen stellen würden. Ich kann es nicht in Worte fassen, was mir in diesem Moment alles durch den Kopf ging. Sie führten in dieser Nacht viele Untersuchungen durch, was alles nicht einfacher machte. Zum Glück ging es mir im Verlauf der Untersuchungen wieder etwas besser. Diesbezüglich meinte mein betreuender Arzt, ich hätte möglicherweise einen starken Migräneanfall gehabt und könne am Morgen wieder nach Hause. Ich war so froh, dass es nichts Schlimmeres war. Doch leider ging es mir am nächsten Morgen wieder viel schlechter, woraufhin eine MRI-Untersuchung angeordnet wurde. Was für eine schlimme halbe Stunde im MRI. Du bekommst ein Gestell über das Gesicht. Das MRI ist sehr laut und du bist da mit deinen Gedanken gefangen. 

Anschliessend musste ich sehr lange auf die Ergebnisse warten, was mich, meinen Freund und meine Familie immer nervöser machte. Dann endlich kam der Arzt mit seiner Diagnose, leider waren die Informationen alles andere als schön. Der Verdacht deutete auf einen Schlaganfall. Die Stimmung im Zimmer war fast nicht zum Aushalten. Ich konnte nicht begreifen, was der Arzt mir da erzählte. Alle weinten um mich herum. Daraufhin ging alles sehr schnell und sie machten einen Ultraschall von meiner Halsschlagader, keine fünf Minuten später lag ich auf der Intensivstation für akute Schlaganfälle. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 25 Jahre alt. Auf der Station wurde ich alle vier Stunden geweckt und mein Zustand wurde kontrolliert. Dieser wurde jedoch immer schlechter. Ich verlor die Kontrolle über meine ganze rechte Körperseite. Sie machten unzählige Tests. Eine meiner schlimmsten Erfahrungen war, als mir Rückenmarkflüssigkeit entnommen wurde. Der Zustand war über Tage zermürbend, zahlreiche Medikamente und Infusionen wurden mir verabreicht.

Nach ein paar Tagen bekam ich einen Rollstuhl, ohne diesen konnte ich mich nicht mehr fortbewegen. Immer wieder besuchten mich fremde Ärzte und untersuchten mich. Wie immer sagten auch diese nicht viel zu einer klaren Diagnose. Ich lag Tag für Tag da und mir ging es immer schlechter. Ich konnte nicht mehr laufen, das Duschen war so anstrengend und die Haare zusammenbinden ging auch nicht mehr. Ich brauchte plötzlich überall Unterstützung, nichts ging mehr alleine. Als Rechtshänderin musste ich jetzt alles auf links üben und trainieren. Die Ärzte versuchten es mit einer Cortisontherapie, doch leider verspürte ich keine Besserung. Ab und zu kamen Ärzte mit jungen Studenten vorbei, die mich auch wieder untersuchten. Nach den vielen Tests und Untersuchungen sowie aufgrund des Krankheitsverlaufs zweifelten die Ärzte durch ihr Ausschlussverfahren zunehmend an der Diagnose Schlaganfall, ohne sich jedoch auf eine Krankheit festzulegen. 

Die weitere Zeit im Spital verging wie im Flug, da ich für alles viel länger brauchte. Auch die vielen Arzttermine und Therapien gaben mir einen straffen Tagesablauf. Zum Glück hatte ich eine wirklich tolle Physiotherapeutin, die sehr lieb zu mir war und mir Mut machte. Sie gab mir die Motivation und den Halt, um wieder laufen zu lernen. Auch die zweite Ergotherapeutin war toll. Stundenlang therapierte sie meinen rechten gelähmten Arm, so dass mein Gehirn die Bewegungen wieder neu lernen konnte. Nach vielen Tagen des Trainings konnte ich als Erstes wieder meinen Daumen minim bewegen – ich war so glücklich über meinen ersten Erfolg! 

Da die Blutwerte immer noch schlecht waren, entschieden sich die Ärzte für eine Apherese, das heisst eine Blutwäsche. Diese ging fünf lange Stunden. Ich durfte mich fünf Stunden nicht bewegen – schrecklich. Wenn ich trinken wollte oder es mich im Gesicht gejuckt hat, übernahm dies die Krankenschwester. Die lange Wartezeit habe ich mit Filmeschauen verbracht. Es war in diesen Tagen der Ungewissheit und mit dem offenen weiteren Verlauf eine schwierige Zeit, doch nach Wochen trat eine leichte Besserung ein. Nach sechs Blutwäschen und vier Wochen Spital durfte ich dann endlich das Spital verlassen und in die Reha wechseln, leider immer noch im Rollstuhl sowie ohne klare Diagnose. Es war sehr speziell, aber der Wechsel vom Spital in die Reha war auch nicht ganz einfach für mich. Langsam war das Spital, wenn auch ungewollt, wie ein Zuhause geworden und gab mir Sicherheit. Ich hatte in den ganzen vier Wochen tolle und teilweise auch nicht so einfache Bettnachbarn. Leider war nie jemand so lange da wie ich. Ich bekam immer sehr viel Besuch von meinem Freund, von Freundinnen und Freunden sowie natürlich von der Familie. Ich erfuhr, wie vielen Leuten ich wichtig bin. Dies war für mich bei all diesem Unglück eine überaus positive und schöne Erfahrung. Als der Tag kam, wo ich in die Reha wechselte, stand ein sehr lieber und toller Fahrer vor mir, der mich in die Reha brachte. Der Fahrer merkte, wie schwierig für mich der Wechsel war, also munterte er mich immer wieder auf mit Sprüchen und guten Gesprächen. Ich sehe den Fahrer heute noch ab und zu und denke, die Freude ist immer gegenseitig, wenn wir uns wiedersehen. Als ich dann mein neues Zimmer in der Reha bezog, musste ich weinen. Die Reha ist sehr schön, aber sie liegt etwas weit weg von meinem Zuhause, meinem Freund, meiner Familie und meinen Kolleginnen und Kollegen. Zu Beginn fühlte ich mich sehr einsam …

Wie es in der Reha war, könnt ihr in meinem nächsten Blog lesen.

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