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Zielgerichtete Therapie

Von der Standardtherapie zur
zielgerichteten Therapie

Die Aussichten für Patienten haben sich über die Jahre kontinuierlich verbessert. So ist die Sterberate durch Krebs seit 1991 um 23 Prozent gesunken. Besonders zielgerichtete Therapien gewinnen an Bedeutung: Eine von fünf jährlich neu zugelassenen Therapien ist zielgerichtet. Rund 50 Prozent dieser Therapien sind wiederum Krebstherapien.

Wie kann ein Tumor zielgerichtet behandelt werden?

Jeder Krebs ist unterschiedlich. Deshalb kann man auch nicht jeden Krebs gleich behandeln – so werden beispielsweise zwei Betroffene Brustkrebspatientinnen unterschiedlich therapiert, genau abgestimmt auf die individuellen Merkmale des Tumors. Diese zielgerichteten Therapien ermöglichen die personalisierte Medizin, die Medizin der Zukunft.

Früher wurde Krebs vor allem mit einer Chemotherapie behandelt. Sie greift alle Zellen im Körper an, die sich schnell vermehren. Doch das sind neben Krebszellen auch Zellen im Verdauungstrakt, an den Haarwurzeln und im Immunsystem. Deshalb kämpfen die Patienten während der Chemotherapie häufig mit starken Nebenwirkungen wie Übelkeit, Haarausfall und Immunschwäche.

Für eine zielgerichtete Therapie werden zuerst die Erbinformationen des Tumors genau untersucht. Anschliessend können mit dem Medikament gezielt diejenigen Eigenschaften des Tumors angegriffen werden, die den Krebs entstehen haben lassen. Sie sind seine Schwachpunkte, denn wenn man sie ausschaltet, kann der Tumor nicht mehr unkontrolliert wachsen. Der Vorteil ist, dass man Eigenschaften des Tumors ausnutzt, die anders sind als in normalen Körperzellen; man kann also spezifische Medikamente entwickeln, die nur die Krebszellen hemmen und nicht die gesunden Körperzellen. So ermöglicht eine zielgerichtete Therapie meist eine bessere verträgliche und effektivere Behandlung als die traditionelle Krebstherapie.

Was ist eine Krebs­immun­therapie?

Meist werden Veränderungen in unseren Körperzellen vom Immunsystem erkannt und die veränderten Zellen schnell entfernt. Das körpereigene Immunsystem kann also ein wichtiger Partner im Kampf gegen Krebs sein – wenn man es zielgerichtet aktivieren kann.

Unser Immunsystem «entsorgt» Krebszellen sehr effektiv. Allerdings haben manche Krebszellen Wege gefunden, um dem Immunsystem des Körpers zu entgehen. Sie bilden spezielle Eiweissstoffe auf ihrer Oberfläche und verstecken sich so vor dem Immunsystem. Doch diese Tarnung kann mit Medikamenten aufgehoben werden: Wenn man bei der genauen Analyse der Merkmale des Tumors Tarn-Eiweissstoffe entdeckt, kann man den Krebs mit der passenden Therapie wieder sichtbar für das Immunsystem machen. Das ist, als würde man die Handbremse für das Immunsystem lösen: So erkennt es den Tumor und bekämpft ihn effektiv.

Die Krebs-Immuntherapie sorgt dafür, dass das Immunsystem Krebszellen wieder erkennt und angreift.

Neben der Tarnung und dem Verstecken vor dem Immunsystem halten die Krebszellen die Reaktion des Immunsystems auch auf. Dafür nutzen sie sogenannte «Immun-Checkpoints». Das sind Kontrollpunkte im Immunsystem, an denen die Immunreaktion abgebrochen werden kann. Manche Krebszellen sind Meister darin, diese Kontrollpunkte zu aktivieren und dadurch die Immunreaktion zu bremsen. Mit der Anwendung sogenannter Checkpoint-Inhibitoren werden die von Krebszellen aktivierten Kontrollpunkte im Immunsystem übersprungen, wodurch das Immunsystem aktiv bleibt. Die körpereigenen Abwehrzellen können die Krebszelle wieder erkennen und bekämpfen.

Aufbau Krebszelle

Manche Tumoren sind «mutationsfreudiger» als andere. Sie verändern sich häufiger und weisen dementsprechend über die Zeit mehr Mutationen auf. Diese Eigenschaft des Tumors wird als Tumor-Mutationslast mit dem TMB-Wert (TMB für Englisch Tumor Mutational Burden) gemessen. Häufig ist ein hoher TMB-Wert eher positiv mit dem Ansprechen auf die Krebs-Immuntherapie verbunden. Denn mit jeder Veränderung unterscheidet sich die Tumorzelle stärker von einer normalen Zelle und macht sie damit leichter erkennbar für das Immunsystem.

Häufige Fragen zur Krebsimmuntherapie

Die Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren kam bisher vor allem in fortgeschrittenen Stadien verschiedener Tumorerkrankungen zum Einsatz. Die Forschung macht Fortschritte, sodass diese Therapieoptionen vereinzelt auch in früheren Stadien zur Anwendung kommen.

Die Gabe erfolgt als Infusion und wird daher beim Arzt verabreicht. Es handelt sich dabei meist um eine ambulante Behandlung, das heisst, ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt ist in der Regel nicht notwendig.

Im Rahmen der Behandlung mit einer Krebs-Immuntherapie werden in regelmässigen Abständen Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren (CT oder MRI) durchgeführt. Dabei ist zu erkennen, ob die Therapie wirkt. Gut zu wissen: Das Immunsystem benötigt manchmal etwas Zeit für seine Arbeit. Daher kann es sein, dass die Wirkung zeitverzögert einsetzt. Hier ist die Erfahrung des Arztes gefragt.

Eine Krebs-Immuntherapie ist meist gut verträglich. Jedoch muss genau darauf geachtet werden, das Immunsystem nicht übermässig anzuregen. Unter Umständen richtet es sich sonst auch gegen gesunde Zellen – dann spricht man von einer „Autoimmunreaktion“. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gut kontrollierbar. Müdigkeit, Hautausschlag, Fieber, Appetitlosigkeit oder Übelkeit gehören dazu. Ausführliche Informationen und Unterstützung bei Nebenwirkungen bietet der behandelnde Arzt.

Zielgerichtete Therapien in verschiedenen Tumortypen

Wenn man die Merkmale des Tumors ganz genau kennt, kann er gezielter behandelt werden. Deshalb wird der Tumor vor Behandlungsbeginn genau untersucht und auf verschiedene Biomarker getestet. Je nachdem, welche Merkmale im Tumor vorliegen, wird die Therapie angepasst und personalisiert.

Beispiel: Brustkrebs

Beim Brustkrebs gibt es drei Tumortypen: In den meisten Fällen sind die Brustkrebszellen empfindlicher auf weibliche Sexualhormone wie Östrogen oder Progesteron als normale Zellen. Wenn das der Fall ist, schlagen Anti-Hormontherapien oft gut an. Bei etwa jeder siebten Patientin hängt der Brustkrebs aber nicht von Sexualhormonen ab, sondern von einem Rezeptor namens HER2. Er bindet Wachstumssignale im Körper und kann ebenfalls gut mit Medikamenten gehemmt werden. Wenn keines der drei Merkmale (Abhängigkeit von Östrogen, Progesteron und HER2) im Tumor vorliegt, spricht man vom triple-negativen Brustkrebs. In einem solchen Fall sind oftmals keine spezifischen Therapien möglich, weshalb er mit klassischer Chemotherapie behandelt wird.

Die Gene BRCA1 und BRCA2 sind die häufigsten Auslöser für erbliche Formen des Brustkrebs. Wenn ein BRCA-Gen mutiert ist, werden DNA-Schäden möglicherweise nicht mehr so effizient repariert und sammeln sich an. Das begünstigt die Entstehung von Brustkrebs. Doch wenn die Krebszellen zu viele Schäden in ihrer DNA haben, sterben sie ab. Deshalb sind andere DNA-Reparatursysteme, wie zum Beispiel das PARP-System überlebenswichtig für die Krebszellen. Dieses Wirkprinzip machen sich PARP-Inhibitoren zunutze, in dem sie diesen Reparaturmechanismus in den Krebszellen hemmen. Für Frauen mit einer nachgewiesenen BRCA-Mutation kann also die Behandlung mit einem PARP-Inhibitor infrage kommen.

Beispiel: Lungenkrebs

Beim häufigsten Lungenkrebs, dem sogenannten nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, gibt es bereits viele zielgerichtete Therapien gegen einzelne Veränderungen, unter anderem in den Genen namens KRAS, EGFR, ALK und ROS1. Deshalb ist hier eine umfassende Diagnostik mit genomischer Testung des Tumors besonders wichtig. Wenn eine der Veränderungen vorliegt, kann der Tumor mit dem entsprechenden Medikament gezielt bekämpft werden. Doch auch wenn keine dieser Mutationen gefunden wird, ist das eine wertvolle Information für die Therapieplanung: Dank ihr kann man nicht wirksame Therapien von vornherein vermeiden.

Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs

EGFR ist eine „Andockstelle“ für Botenstoffe auf der Zelloberfläche, ein sogenannter Rezeptor. Dockt ein Botenstoff an den veränderten EGFR an, erhält die Zelle vermehrt das Signal, sich zu teilen. Die Genmutation führt also dazu, dass die Krebszellen unkontrolliert wachsen. Es gibt Medikamente, die EGFR blockieren und dadurch verhindern, dass die Krebszelle Wachstumssignale erhält. Das unkontrollierte Wachstum wird gebremst. Diese Wirkstoffe heißen „EGFR-Tyrosinkinase-Hemmer“. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte EGFR-Gen, das bei zehn bis 15 Prozent aller nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom-Patienten genomische Veränderungen aufweist.


Bei ALK handelt es sich um eine besondere Form der Genmutation, der sogenannten „Genfusion“. Hierbei verschmilzt das ALK-Gen mit einem anderen Gen und wird dann als „ALK-Fusion“ bezeichnet. Dadurch ist das Gen dauerhaft aktiv und führt so zu einem unkontrollierten Wachstum der Krebszellen. Als zielgerichtete Medikamente kommen hier sogenannte „ALK-Inhibitoren“ zum Einsatz.

Genmutationen im ROS1-Gen sind sehr selten. Auch sie führen dazu, dass die Krebszellen vermehrt Wachstumssignale erhalten und sich daraufhin unkontrolliert teilen. Sie führen dazu, dass die Krebszellen vermehrt Wachstumssignal erhalten und sich daraufhin unkontrolliert teilen. Auch für ROS1-positiven Lungenkrebs gibt es zielgerichtete Therapien.

Beispiel: Tumor übergreifende zielgerichtete Therapien

Fortschritte in der medizinischen Forschung ermöglichen ein immer grösser werdendes Verständnis von Krebserkrankungen und darüber, wie sie durch Veränderungen im Erbgut des Tumors verursacht werden. So ist inzwischen bekannt, dass zwei Betroffene mit der scheinbar selben Krebserkrankung (z.B. Brustkrebs) völlig unterschiedliche Mutationen in ihrer DNA haben können und deshalb unterschiedlich behandelt werden müssen. Auf der anderen Seite können zwei betroffene Personen, deren Tumoren sich in unterschiedlichen Organen befinden, gleiche Mutationen haben. Beide könnten deshalb möglicherweise von einer ähnlichen Therapie profitieren.

Beispiele für tumor-unspezifische Biomarker sind seltene genomische Veränderungen wie etwa NTRK und ROS1. Sie sind unter anderem in Sarkomen, triple-negativem Brustkrebs, Karzinomen in Kopf und Nacken, Speicheldrüsen sowie Blase und Lunge wichtig.

Die Entwicklung geht weiter

Studien deuten darauf hin, dass eine Behandlung basierend auf dem genomischen Tumorprofil bei zahlreichen Krebsarten zu einem besseren Therapieergebnis führen kann. Deshalb wird viel geforscht auf diesem Gebiet. So wächst das Verständnis der Mutationen bei Krebs und es können laufend neue zielgerichtete Krebstherapien entwickelt werden. Das Ziel besteht darin, möglichst vielen Patienten Behandlungen anbieten zu können, die besonders verträglich und effektiv sind.

Zusammenfassung

Die zielgerichtete Therapie richtet sich spezifisch gegen die Merkmale des Tumors und unterstützt das Immunsystem dabei, den Krebs wieder zu bekämpfen. Je genauer man einen Tumor kennt, desto besser kann er gezielt behandelt werden.