MS in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie hat meine und überhaupt die gesamte Welt ganz schön auf den Kopf gestellt. Vor allem, weil sich MS-Betroffene wie ich besonders streng an die Vorsichtsmassnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 halten sollten. So können wir uns, als Personen mit Vorerkrankungen, bestmöglich vor einer Ansteckung schützen. Für das persönliche Umfeld kann das aber schwierig zu verstehen sein – gerade, wenn man jemandem die MS nicht ansieht.

Das persönliche Zusammenkommen ist am diesjährigen Welt-MS-Tag nicht möglich. Dabei steht der doch unter dem Motto „Connections“. Deshalb legt der Event besonderes Augenmerk auf Verbindungen zwischen Menschen in Zeiten von Covid-19. Im Folgenden erzähle ich von meinem Alltag mit MS in Corona-Zeiten – und von der Herausforderung, nicht direkt mit anderen in Kontakt treten zu können.

Optimistisch realistisch

Ich bin ja eher optimistisch und glaube daran, dass schon alles gut wird. Ich will mir mein Leben nicht von Gedanken wie „Was ist, wenn ich dies oder das nicht mehr kann?“ bestimmen lassen. Dank dieser Einstellung habe ich mir in Bezug auf Corona anfangs auch keine allzu grossen Gedanken gemacht. Als es dann Mitte März zum Lockdown kam und man überall las und hörte, dass sich Risikogruppen mit Vorerkrankungen besonders schützen sollten, wurde ich allerdings doch hellhörig.

Also habe ich im Internet recherchiert, was das Ganze für mich als MS-Betroffene persönlich bedeutet. Daraufhin habe ich mich entschieden, vernünftig und vorsichtig zu sein, denn: Was bringt es meiner Familie, wenn ich schlimmstenfalls komplett ausfalle!? Diese Entscheidung fiel mir aber alles andere als leicht, denn ich habe schon sehr Mühe, die Hilfe anderer anzunehmen und möchte niemandem zur Last fallen. Aber in dieser speziellen Situation schien es mir wichtig und so hiess es von nun an, die Einkaufsliste so zu schreiben, damit mein Mann möglichst das nach Hause brachte, was wir auch wirklich brauchten.

Ein neuer Alltag mit neuen Herausforderungen

Normalerweise verlassen mein Mann und unsere Mädchen morgens das Haus und ich zweimal pro Woche ebenfalls, wenn ich meine Outdoor- oder Indoor-Spielgruppen leite. Nun blieben vom einen auf den anderen Tag alle vier zu Hause. Die Kinder hatten Homeschooling und mein Mann Homeoffice. Somit war ich rund um die Uhr in Gesellschaft. So sehr ich es genoss, meine Liebsten um mich zu haben, so fehlte es mir ehrlich gesagt zwischendurch, einfach mal alleine zu sein. In Ruhe den Haushalt zu erledigen, war plötzlich nicht mehr so einfach möglich. Ich musste mir zum Beispiel zuerst überlegen, ob die Geräusche des Staubsaugers jemanden stören könnten. Die Ruhe, um wieder frische Kraft zu schöpfen, fehlte mir schon. Aber viel mehr zählen für mich die positiven Dinge, die wir in dieser Zeit gemeinsam erlebt haben. So hatten wir etwas mehr Familienzeit, genossen plötzlich auch unter der Woche Abendspaziergänge zum nahegelegenen Bach und taten Dinge, für die wir uns früher nie die Zeit genommen hatten: ausgiebig zu backen, den Garten richtig frühlingsfit zu machen oder auch einfach mal das Nichtstun zu geniessen. Der Natur beim Erwachen aus dem Winterschlaf zuzuschauen, wie sie sich wieder zurück ins Leben kämpft, hat mir persönlich viel Kraft gegeben.

Ein Stück Normalität zurück

Am 11. Mai kam dann wieder etwas Normalität ins Leben. Die Geschäfte und Restaurants durften wieder öffnen und auch viele Schulen wechselten zum Präsenzunterricht. So sehr ich mich mit meinen Mädchen freute, dass sie endlich wieder zur Schule durften, machte es mich andererseits auch etwas traurig. Denn nach Absprache mit meinen Ärzten hiess es für mich: noch immer keine Rückkehr in meinen normalen Alltag. Und da kommt auch wieder mein Problem, Hilfe anzunehmen, ins Spiel. Denn zwei meiner Kolleginnen springen jetzt für mich ein, damit die Kinder nicht mehr auf ihre Spielgruppen-Vormittage verzichten müssen. Da frage ich mich, wie es aufgenommen wird, dass ich die Gruppen gerade nicht leite, denn man sieht mir meine MS ja nicht an. Ich habe ausserdem ein schlechtes Gewissen, da ich ja eigentlich fit bin und die Kinder schon beaufsichtigen und bespassen könnte, aber da ist halt dieses erhöhte Risiko für mich … Auch wenn Freunde fragen, ob wir uns mal wieder im kleinen Rahmen treffen, muss ich „Nein“ sagen – dabei möchte ich doch eigentlich so gerne!

MS: Unsichtbar und trotzdem da

Das macht es manchmal schwierig, mit MS zu leben: Viele wissen nicht wirklich, mit welchen unsichtbaren Herausforderungen Betroffene vielleicht zu kämpfen haben. So haben viele das Gefühl, dass es jemandem trotz Krankheit sehr gut geht, weil er oder sie ja nicht im Rollstuhl sitzt. Dass MS jedoch noch ganz viele andere Gesichter hat, ist noch viel zu wenig bekannt. Deshalb ist es schön und wichtig, dass es am 30. Mai den Welt-MS-Tag gibt, der Aufmerksamkeit und Verständnis dafür schafft!

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