Mehrere Läufer auf asphaltierter Straße

Trotz MS-Schub an den Startblock

Joggen ist eine Leidenschaft von mir. Ich gehe regelmässig bei Wind und Wetter den „Kopf lüften“ und geniesse die Natur. Die Luft. Ich lebe, wenn ich mich spüre, wenn ich schwitze und mein Herz pumpt. Auch, wenn es nicht immer schmerzfrei ist, die Hände und Füsse wehtun oder taub werden und eines meiner Beine irgendwann nicht mehr so recht will – aber die guten Gefühle überwiegen. Darum lauf ich. Und darum lauf ich am Auffahrtslauf mit. Selftesting.
Meine Leidenschaft als MS-Fitnesstest

Wegen meiner OPs war ich drei Monate nicht „auf den Schuhen“ (mehr zum Thema hier). Ich hatte Schmerzen beim zügigen Laufen an den Nahtstellen und die Implanate waren unangenehm am „Mithüpfen“, sobald ich zügiger ging. Die Physiotherapeutin, zu der ich regelmässig gehe, hat mir gezeigt, wie ich dies mit einem Tape verringern kann. Dies hilft ungemein und ich kann wieder laufen. So bestreite ich dann meine ersten Kilometer – hey gar nicht mal so schlecht nach all den Geschichten. Sieben Kilometer, dann mache ich aus Vernunft Schluss. Denn eigentlich tut alles ein wenig weh und die Sensorikstörungen sind grad auch nicht soooo prickelnd.

Ich bin am Auffahrtslauf angemeldet. Eigentlich Halbmarathon, aber ich downgrade auf zehn Kilometer. Wie vernünftig ich doch sein kann.

… und dann kommt der Schub: gemein, hinterhältig und unerwartet. So macht er das immer.

Zum Heulen. Ich rapple mich auf, kämpfe, leide und dann kommen taube Beine, beidseitig diesmal. Die Hand schmerzt und ist taub. Auch mit der Blase stimmt was nicht mehr. Den Infekt habe ich erst grad behandelt und auskuriert, das ist also kein Trigger. Vermutlich wisst Ihr, dass Infekte MS-Symptome anklingen lassen können. Es handelt sich dabei aber nicht um einen Schub. Behandelt man den Infekt, gehen auch die Symptome wieder weg.

Ich warte über das Wochenende und lasse mir meine Sorge nicht anmerken. Am Montag rufe ich meinen Neurologen an und wir machen ein MRI. Fast hätte ich vergessen, dass ich ja Implantate habe und diese ausgeschaltet werden müssen! Meine Hand ist ungelenk und ich bin nervös wie sonst was. Die MPA ist auch kein Hilfe und ist ungeduldig am Warten. Hätte ich doch darauf bestanden, das MRI an der Klinik zu machen, dann hätten die mir die Stimulatoren mit ihrem externen Gerät ausschalten können. Ich hoffe, ich habe es richtig gemacht und es geht nichts kaputt!

Noch gleichentags erhalte ich den Anruf: Das MRI ist nicht so schlimm, trotzdem auf jeden Fall Kortison-Therapie und MS-Therapie überdenken. Denn formal ist es der zweite grössere Schub seit Therapiebeginn. Und zweimal hatte ich Verschlechterungen der bestehenden Symptomatik.

Ade, Mut. Ich hab genug.

Die Stosstherapie ist der Graus schlechthin. Mir geht es vor allem psychisch nicht gut und der Schlafmangel ist nicht förderlich. Ich kann mich nicht ablenken mit Rennen, soll man nämlich nicht. Und ich habe dieses Gekribbel und Ziehen so satt! Ich hinke mal wieder und und bin völlig ausser Puste nach einigen Metern Gehen. Ade, Auffahrtslauf!

Zum Glück dürfen die Kinder einige Tage zur Omi und freuen sich riesig darauf. So habe ich kein schlechtes Gewissen, sie „abschieben“ zu müssen und kann mir Zeit für mich nehmen. Obwohl ich eigentlich lieber Ablenkung hätte. Aber ich bin kein angenehmer Zeitgenosse, launisch und alles ist zu laut. Menschen sind mir alle zu viel. Ich habe keine Lust auf spassige Leute.

Natürlich reicht das nicht – aber ich bin stark, stärker – heute!

Es sind Ferien und mit den Kids fahren wir ins Legoland! Wir waren schon letztes Jahr da und es gefiel uns so gut, dass sich die Kinder es gerne nochmal anschauen wollen. Das Wetter ist top und so wenige Leute sind da, dass es auch total entspannend ist.

Aber klar doch. Das muss jetzt auch noch sein: ein Blaseninfekt. Ich will keinen Stress machen und viel Trinken reicht sicher aus. Nach den Ferien habe ich Höllenschmerzen. Ja, da habe ich wieder zu lange gewartet. Ein Antibiotikum muss sein. Wieder kein Rennen und ich fühle mich körperlich und geistig erledigt. Natürlich bekommt erst ein Kind, dann das andere auch noch die Windpocken. Ich bin erledigt und heilfroh, dass es meine Mama gibt. Sie nimmt die Kinder für drei Tage. Ihr macht das nichts aus und der Kleine ist trotz allem extrem pflegeleicht.

Das Ziel steht immer noch! Ich bin stark. Stark genug!

Ich laufe den Auffahrtslauf! Ich laufe ihn wirklich! Und dies zwei Tage nach der ersten Infusionstherapie! Ich bin bockig und stur. Ich war ja auch ein wenig trainieren und mache Witze darüber, dass ich schon irgendwann durchs Ziel kriechen werde. Und dann laufe ich los. Beschwingt und extrem nervös. Das Wetter ist das perfekte MS-Laufwetter – kühl und es nieselt!

Ich starte in meinem geplanten Block. Hoffentlich ist das nicht zu zügig für mich! Die ersten Kilometer sind geschafft – Freunde und Bekannte feuern an. Es geht rauf und runter und ich renne, ich laufe mit. Meine Glückshormone scheinen auch mitgestartet zu sein. Noch den Hügel hoch, die nicht enden wollende Distanz bis zur Zieltreppe (ja, Treppe zum Schluss!) und dann noch durch die letzte Kurve im Stadion. Ich hab es geschafft! Dann die SMS von meinem Mann – er konnte online die Zwischenzeiten verfolgen und sendet mir nun die Endzeit – Wow ich bin besser als im Vorjahr gelaufen! Wahnsinn. Ich bin in euphorischer Stimmung und hatte mich seit langem nicht so gut gefühlt. Ich habe gewonnen gegen die MS! Gegen meine Bedenken.

Heute startet für mich 2018. Mein Neujahrstag!

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