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Kognition und kognitive Störungen bei MS

Wenn die Wahrnehmung, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, die Kommunikation oder das Urteilsvermögen beeinträchtigt sind, wirkt sich dies auch auf unsere Alltagsaktivitäten, die berufliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität aus. Man spricht in diesem Fall von einer kognitiven Störung. Dies ist ein Oberbegriff für die gestörte Informationsverarbeitung durch das Gehirn. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Gianna C. Riccitelli hat in den letzten Jahren kognitive Störungen bei Multipler Sklerose untersucht. Im Interview mit Anne Rüffer erklärt sie, was Betroffene zur Erhaltung ihrer Lebensqualität tun können.

Was ist mit kognitiven Störungen genau gemeint?

Es handelt sich hierbei um eine Klasse psychologischer Störungen, die durch eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten wie Orientierungsvermögen, Erinnerungsvermögen, Wortschatz, Rechenfähigkeit, abstraktes Denken und Alltagsbewältigung gekennzeichnet sind und bei denen eine biologische Ursache entweder bekannt ist oder vermutet wird.

Kognitive Störungen haben somit keine psychologischen Ursachen, sondern werden durch körperliche Zustände oder Erkrankungen hervorgerufen, welche die Funktionsweise des Gehirns beeinflussen. Dazu zählt auch die Einnahme oder Entwöhnung von Medikamenten.

Warum führt MS zu kognitiven Störungen?

Bei Multipler Sklerose treten Läsionen (oder Plaques) im zentralen Nervensystem auf. Insbesondere Läsionen im Gehirn können die kognitiven Funktionen beeinträchtigen. Beispielsweise kann die Leistungsfähigkeit der Betroffenen bei kognitiv anspruchsvollen Aufgaben, wie dem Abrufen von Erinnerungen oder der Konzentrations- und Planungsfähigkeit, vermindert sein und deren Bewältigung erschweren.

Studien haben gezeigt, dass MS-Patienten mit grösserer Läsionslast mehr kognitive Probleme haben als solche mit weniger Läsionen. Die kognitive Beeinträchtigung bei Multipler Sklerose scheint zudem mit der Schrumpfung bestimmter Gehirnregionen (kortikaler und subkortikaler) im Zusammenhang zu stehen. Ausserdem werden bei MS-Betroffenen während der Ausführung kognitiver Aufgaben anscheinend grössere Hirnareale aktiviert. Vermutet wird, dass das Gehirn so versucht, die kognitiven Einschränkungen auszugleichen. Charakteristisch ist somit sowohl die Veränderung der grauen als auch der weissen Substanz des Gehirns.

  • Anne Rüffer interviewt Neurowissenschaftlerin

    Dr. Gianna C. Riccitelli

Welche möglichen Behandlungsoptionen gibt es für Betroffene?

Derzeit gibt es keine definitiv wirksamen medikamentösen oder nicht-medikamentösen Behandlungen für kognitive Defizite durch MS.
Die krankheitsmodifizierenden Behandlungen können die Rückfallrate senken und in manchen Fällen auch das Fortschreiten der Beeinträchtigungen verzögern. Sie können sich zudem positiv auf die langfristige kognitive Leistungsfähigkeit des MS-Patienten auswirken, indem sie die Entzündung im Gehirn, die Läsionslast und das Fortschreiten des Hirnschwunds eindämmen. Manche dieser Behandlungen haben zudem aufgrund verschiedener Mechanismen eine direkte neuroprotektive, also nervenschützende, Wirkung.

Die aktuelle Studienlage spricht dafür, dass sich krankheitsmodifizierende Behandlungen günstig auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken können und dass insbesondere eine frühzeitige Behandlung dazu beitragen kann, die kognitive Funktion zu erhalten und Fehlfunktionen hinauszuzögern. Symptomatische Behandlungen, wie Behandlungen von Fatigue oder die Gabe von Alzheimer-Medikamenten und sogenannten Psychostimulanzien, haben grösstenteils uneinheitliche Erkenntnisse in Bezug auf die Behandlung kognitiver Defizite bei Multipler Sklerose ergeben.

Die kognitive Rehabilitation ist ein nicht-medikamentöser Ansatz zur Verbesserung der eingeschränkten kognitiven Funktion durch Übungen, Bewegung, Ausgleichs- und Bewältigungsstrategien sowie Anpassungen zur bestmöglichen Nutzung der kognitiven Restfunktion.

Wie können Betroffene mit ihren kognitiven Störungen umgehen? Was raten Sie?

MS-Patienten können sich durch die Anwendung von Strategien und verschiedenen vorbeugenden Massnahmen im Alltag auf ihre kognitiven Funktionsstörungen einstellen.

Beispielsweise:

  • indem sie im Voraus ein Programm oder eine Liste von Arbeitsaktivitäten erstellen oder
  • indem sie als Gedächtnisstützen einfache Hilfsmittel wie Telefon- oder Haftnotizen verwenden. Auch Papierkalender und elektronische Organizer sind sehr nützlich, um Termine nicht zu vergessen.
  • Sie sollten feste Plätze für Dinge festlegen und diese Dinge immer an ihren Platz legen.
  • Wenn die Aufmerksamkeit bei Unterhaltungen abschweift, kann es hilfreich sein, das soeben Gehörte zu wiederholen oder zusammenzufassen und danach zu antworten.
  • Wenn ihnen ein Wort gerade nicht einfallen will, sollten sie einfach versuchen, eine andere Formulierung zu verwenden. Wenn es sich um einen Namen oder Ort handelt, kann man einfach sagen, dass man später darauf zurückkommen wird.

Dies sind nur einige wenige der möglichen Strategien, mit denen die Auswirkungen kognitiver Probleme auf die Lebensqualität einer Person abgemildert werden können.

Sind Rätsel wie Sudoku oder Kreuzworträtsel hilfreich? Wie sieht ein wirksames kognitives Training aus?

Diese Instrumente sind allgemein anerkannte Aktivitäten zur kognitiven Stimulation. Sie trainieren die kognitiven Fähigkeiten und verbessern die kognitive Leistungsfähigkeit. Zudem können sie dazu beitragen, die kognitiven Funktionen zu erhalten und Fehlfunktionen hinauszuzögern.

Im Allgemeinen ist ein kognitives Training wirksam, wenn es die negativen Auswirkungen kognitiver Einschränkungen auf den Alltag verringert und die Selbständigkeit erhöht. Das Ziel eines kognitiven Trainings besteht darin, die kognitive Fähigkeit in realen Situationen durch direkte Schulung, ausgleichende Strategien oder kognitive Hilfsmittel zu verbessern.

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