Depressionen bei MS

Schlecht gelaunt, mürrisch, launisch und das Gefühl, dass die eigene Energie stetig schwindet – dies können Anzeichen einer Depression sein. Ständig hört und liest man den Begriff Depression. Sogar die wirtschaftliche Situation wird manchmal als solche bezeichnet. Aber was genau bedeutet der Begriff Depression und welche Bedeutung hat die Depression für das Leben von Multiple-Sklerose-Patienten? In Lugano hat sich Anne Rüffer mit der Neurowissenschaftlerin Dr. Gianna C. Riccitelli darüber unterhalten.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Depression“?

Die Depression ist eine der schwerwiegendsten Erkrankungen der Volksgesundheit. Trotz der Dimension des Problems wird die Depression in vielen Fällen noch immer nicht erkannt und nicht behandelt. Die genaue Häufigkeit von Depression in der Bevölkerung konnte noch nicht bestimmt werden, da die entsprechenden Studien unterschiedliche Definitionen und Diagnosekriterien verwenden.

Wie entsteht eine Depression bei MS?

Depressive Störungen sind die am häufigsten vorkommende psychiatrische Begleiterkrankung bei Patienten mit Multipler Sklerose. Zwischen 20 und 50 Prozent der MS-Betroffenen entwickeln eine Depression und Depressionssymptome werden bei ungefähr 80 Prozent festgestellt.
Die eigentlichen auslösenden Ursachen der Depression bei Multipler Sklerose sind noch nicht geklärt. Als mögliche Mechanismen legen Studien verschiedene Ursachen nahe: die Läsionslast, den Ort der Läsionen, hormonelle und Immunstörungen im Zusammenhang mit MS sowie genetische oder durch Therapiemassnahmen verursachte Faktoren. Eine Depression kann auch durch Denkweisen verursacht werden und das Ergebnis negativer Erfahrungen sein. Dazu gehört auch die Krankheitsdiagnose –Mehrere Studien haben gezeigt, dass etwa 50 Prozent der MS-Patienten nach der Diagnose eine schwere Depression entwickeln – und die im Laufe der Zeit zunehmenden Einschränkungen infolge der MS. In der Regel liegt die Ursache in einer Kombination dieser Faktoren.

  • Anne Rüffer interviewt Neurowissenschaftlerin

    Dr. Gianna C. Riccitelli

Welchen Herausforderungen müssen sich Menschen stellen, die unter Depression leiden?

Eine Depression wirkt sich nachteilig auf verschiedene Aspekte des Alltags und des sozialen Lebens aus – unabhängig von der Schwere der körperlichen Einschränkungen. Die Störung kann zu Veränderungen der kognitiven Funktionen führen, die durch die MS sowieso bereits in Mitleidenschaft gezogen sind, und auch das Fatigue-Symptom verstärken. Darüber hinaus wirkt sie sich negativ auf zwischenmenschliche Beziehungen aus und senkt die Therapietreue bei krankheitsmodifizierenden Behandlungen.

Wie können Betroffene mit einer Depression umgehen? Wozu raten Sie?

Angesichts der Forschungsergebnisse und klinischen Belege bin ich der Auffassung, dass eine wirksame Behandlung von Depressionen eine interdisziplinäre Vorgehensweise erfordert. Dies beinhaltet die medikamentöse Behandlung, eine kognitive Verhaltenstherapie und Psychotherapie. Natürlich müssen dabei die individuellen Gegebenheiten berücksichtigt werden. Beispielsweise legen Studien nahe, dass bei Patienten mit leichter Depression eine Psychotherapie und bei Patienten mit schwerer Depression sowohl eine Psychotherapie als auch eine medikamentöse Therapie anzuwenden ist.

Bei Depressionssymptomen, deren Schwere keine bedeutsamen klinischen Auswirkungen hat, ist es hingegen ausreichend, bestimmte Denkweisen zu verändern. Ausdauertraining, Gleichgewichts- und Dehnübungen können ebenfalls hilfreich sein. Durch die sportliche Betätigung werden erwiesenermassen körpereigene chemische Stoffe wie Endorphine freigesetzt, die stimmungsaufhellend wirken können.

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