Achtsamkeitstraining bei der MS-Reha

Seit drei Wochen bin ich in der Rehabilitation. Die Themen, die mir da begegnen, sind so vielfältig wie die Menschen dort. Gemeinsam ist uns aber, dass das „Ich“ irgendwie abhanden gekommen ist. Mir wegen meiner MS und all den anderen Alltagspflichten, die mich manchmal überfordern. Sich spüren, sich ruhig fühlen, sich motivieren können – wieder funktionieren – wieder man selbst sein – dieses Ziel verfolgen alle.

Achtsam durch die Welt gehen

Ich spaziere gerade durch die Stadt: Achtsamkeit, das Wort ist überall zu hören und zu lesen. Doch ist es wirklich das, was ich mir darunter vorstelle? Einfach aufmerksamer durch die Gegend zu rennen und zu erkennen, wann man gebraucht wird? Ist es so simpel? Ich werde lernen, dass es nicht so ist. Nicht so sein kann, denn wir Menschen sind viel komplizierter. Und es ist anstrengender, viel anstrengender als nur so mal in der Natur die Blumen und das Zwitschern eines Vogels wahrzunehmen.

Ja, ich möchte mich mit dem Thema „Achtsamkeit“ befassen. Und hier ist die Krux – es passiert nicht einfach so. Es ist Arbeit. Natürlich google ich auch, es gibt sogar ein Institut für Achtsamkeit. Muss also ernsthaft was dran sein.

In der Klinik besuche ich nun zweimal morgens das Achtsamkeitstraining. Das erste Mal war die Hölle. Ich legte mich wie alle auf die Matte und machte mit, was die Frau sagte. Ich muss dazu sagen: Ich kam in ungeduldiger Grundstimmung zum Geschehen und wurde weder begrüsst noch ins Thema eingeführt. Meine Stimmung war entsprechend latent „angepisst“. Ich bin ein Kontrollfreak. Ich halte mich bei so „Veranstaltungen“ an die Grundlagen. Man begrüsst neue Mitglieder, man erklärt. Nun denn, ich lief wider Willen nicht davon und die Lehrerin begann mit einer Körperreise. Entspannt hinlegen, sich fallen lassen.

Fakt 1: Ich spüre rechts weniger als links, liege also immer gefühlt schief. Im Gefühl nach rechts zu kippen.

Fakt 2: Es kribbelt.

Fakt 3 Es kribbelt nun auch im Gesicht.

Fakt 4: Ich soll mich aber gerade auf den Fuss konzentrieren. Doch ich weiss nicht welchen, wähle den rechten, der ist ja eh schon sehr dominant am Ziehen und Krampfen.

So geht es weiter durch den ganzen Körper. Danach bin ich fix und fertig und „verpasse“ zufällig den zweiten Termin der Woche. Ich gebe dem Gynäkologentermin Priorität. Gute Ausrede gefunden. Es kam bei der Einzeltherapie nicht so gut an. Die Therapeutin erklärt mir, dass meine Emotionen dem Achtsamkeitstraining gegenüber ja zu erwarten gewesen seien. Aha.

Gar nicht so einfach: sich zu spüren und Gefühle zuzulassen

Nichtsdestotrotz stelle ich fest: An dem Satz, „Du musst etwas aufmerksamer sein“, ist was Wahres dran. Man sagt diesen zwar immer lapidar zu einem Kind, wenn es mal ungeschickt ist oder nicht zuhört – aber geht man selbst wirklich achtsam mit sich um? Ich lerne nun, dass es etwas Vorarbeit braucht, um im Alltag achtsam zu werden. Bei mir muss ich diese innere Stimme bzw. Unruhe abstellen, die ständig was tun will. Sie kennt keine Prioritäten und empfindet alles immer als sehr dringlich. Ich muss bewusst wahrnehmen lernen, wie sich mein Körper anfühlt im Hier und Jetzt. Vielleicht kann ich ihm mit der Ruhe was Gutes tun? Spüren, was heute möglich sein wird?

Es gehört also noch viel mehr dazu, als die Ruhe auszuhalten, die Gedanken beisammenzuhalten und nicht ständig woanders hinwandern zu lassen. Den Körper hinlegen und einfach loslassen. Es löst ein Prozess im Denken und Handeln aus. Diese Aufmerksamkeit. So lasse ich mich darauf ein. Denn an dem hat es gefehlt. Einlassen. Hereinlassen von Gefühlen, die ich mir nicht zugestehen möchte. Die ich vor mir selbst verstecke. Ich trage eine Maske: Die „Mir geht es gut und ich bin stark“-Maske.

Den Körper ignorieren tut nicht gut

Das Reha-Programm besteht aus täglicher Aktivität im Fitnessstudio, was mir sehr entgegenkommt und ich mich somit bereits idealer denn je auf mein diesjähriges Ziel vorbereiten kann – den Halbmarathon. Doch ich habe noch nicht viel gelernt in puncto Aufmerksamkeit. Ich renne und stemme. Ich fühle mich toll und stark. Ich bin eine Ignorantin.

Mein Körper findet es mässig toll. Die Schmerzen gehen zurück, aber ich bin zu schnell. Ich erlebe das Gefühl, wenn einfach nix mehr geht. Ich sitze da, bin verschwitzt und ich krampfe gerade an so einem Gerät – als würde der Körper kollabieren. Mir ist plötzlich eiskalt, ich habe Gänsehaut am ganzen Körper, zittere. Da sitze ich nun und hoffe, dass es niemand bemerkt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich zumindest aufstehen und bewege mich wie auf Eiern unter die heisse Dusche. Langsam hört das Herzrasen auf. Ich esse einen Riegel, trinke und hoffe, alles pendelt sich schnell wieder ein. Der Rest vom Tag ist gelaufen. Ich fühle mich elend. Ich war gemein zu mir. Das ist wenigstens die Erkenntnis. Denn ich habe alle Signale ignoriert, die mir mein Körper gesandt hat – Zahnfleisch entzündet, leichter Husten, Blase schon wieder mit Infektzeichen.

Achtsamkeit kommt von Innen

Diese Lektion beim Aufmerksamkeitstraining musste ich also auf die harte Tour lernen. Ich tue noch immer stark, denn ich bin beleidigt und wütend. Diese innere Wut will einfach nicht weichen – bis ich beim nächsten Vortrag der Klinik bin, beim Thema „Angst“.
Ich bin stutzig – Angst? Wieso und was hat das mit mir zu tun. Ich bekomme die Erkenntnis schon sehr bald und die Wut weicht.

Denn, wie meine Therapeutin seit dem ersten Tag sagt, mein Thema ist „Angst“. Angst vor dem Kontrollverlust, also laufe ich. Ich laufe im wahrsten Sinne des Wortes fort. Weg in Schuhen und Gedanken – bis es nicht mehr geht. Denn Laufen kostet unheimlich viel Energie. Das hielt auch ein Höhlenmensch, der vor dem Säbelzahntiger davonlief, nicht aus und lernte Fallen zu bauen. Mir ging die Energie aus. Pech gehabt, der Säbelzahntiger ist nun da. Aber ich habe Glück und bin selber in die Falle getappt.

Man muss aus eigenen Fehlern lernen, nicht wahr? Ich packe den Entschluss, meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten und mich der Angst zu stellen beim „Achtsamkeitstraining“.

Ich lerne noch weitere Techniken und Möglichkeiten kennen, wie man zur Ruhe kommen kann. Ich gehe zur Atemtherapie und lerne, die Atmung zu steuern oder geschehen zu lassen. Auch hier setze ich mich wieder unter Druck. Es muss doch funktionieren! Zumindest beim Einschlafen gelingt es. Ich merke, dass diese Technik mir bis jetzt am besten entspricht. Aber ich werde weitere Versuche starten, mich auf eine „Traumreise“ zu begeben, autogenes Training probieren, „Körperreisen“ (aktiv oder nur in Gedanken) machen. Und ich hoffe, einen guten Weg zu finden, um zur Ruhe und zu neuer Kraft zu kommen.

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